Herzenspferd und Problempferd – der Mensch im Spiegel mehrerer Pferde


Warum wird das eine Pferd zum Herzenspferd und das andere zum Problempferd – obwohl beide mit demselben Menschen leben?
Warum fühlen wir uns einem Pferd sofort tief verbunden – und bei einem anderen scheint ständig etwas nicht zu funktionieren? Liegt es am Pferd? Am Menschen? Wie passt das zur Idee, dass Pferde spiegeln? Oder entsteht zwischen jedem Pferd und jedem Menschen ein ganz eigenes Beziehungsmuster?
Warum gibt es dieses Phänomen?
Manche Menschen denken irgendwann: Dieses eine Pferd – das Problempferd – gehört irgendwie nicht zu mir. Der Mensch erkennt sich darin nicht wieder. Und warum? Weil gerade das andere Pferd es ihm so leicht macht.
Es ist unkompliziert. Es bietet sich dem Menschen an. Und dann fühlen wir uns verbundener, weil es uns etwas zu erfüllen scheint, was wir gesucht haben – vielleicht sogar etwas, das uns im restlichen Leben fehlt.
Das Problempferd bringt in uns andere Gefühle hervor. Vielleicht Ablehnung, Stress, Überforderung oder Ratlosigkeit. Durch Verhalten oder Krankheit. Nichts, was sich angenehm anfühlt. Nichts, was man ewig haben möchte. Etwas, das mit der Zeit immer mehr erschöpft.
Die Wahrheit ist:
In der Beziehung zu beiden Pferden wird der innere Zustand des Menschen sichtbar.
Dieser Mensch lebt in zwei Welten. Die eine Welt der Pferde und der Natur. Dort, wo man theoretisch einfach sein kann. Wo er sich erlaubt zu fühlen. Wo er sich verstanden fühlt. Diese Welt kennt dieser Mensch vielleicht schon seit seiner Kindheit. Auch damals waren Natur und Pferde oder der Umgang mit anderen Tieren ein Rückzugsort. Dort hat er sich extrem wohlgefühlt. Regelrecht zu Hause.
Während es sich im Elternhaus, im Alltag, vielleicht ganz anders angefühlt hat. Dort gab es Schwierigkeiten. Vielleicht Leistungsdruck, Kritik, zu viel Verantwortung. Dort durfte dieser Mensch nicht einfach so sein.
Und dann im Erwachsenenalter gibt es diese zweite Welt immer noch. Den Funktionsmodus: Ich muss funktionieren. Ich habe mir ein Leben erschaffen, in dem ich viel zu tun habe, viel leisten muss und viel an mir hängen bleibt.
Und auch immer noch die Pferde, die in der Kindheit so treu dabei waren. Doch diese Welt ist jetzt nicht mehr so ungetrübt. Die Funktionswelt nimmt langsam Besitz von ihr ein. Möglicherweise, weil da ein krankes Pferd ist oder eines, das durch sein Verhalten mehr Aufmerksamkeit fordert. Oder auch gar nicht mit seinem Menschen in Kontakt kommen möchte.
Erkennst du schon, was beide Pferde deutlich machen?
Beide Pferde führen eine Beziehung mit ihrem Menschen. Und beide Pferde zeigen ein Muster auf, das in diesem Menschen wirkt: das Muster der zwei Welten. Das Muster, wie der Mensch mit sich selbst in Beziehung steht.
Funktionieren oder Fühlen. Beides steht sich gegenüber.
Genauso ist es mit den beiden Pferden. Beide Pferde verkörpern dieses Muster der zwei Welten.
Welchen Nutzen haben die Pferde, auf diese Art darauf einzugehen?
Das Herzenspferd zeigt die inneren Ressourcen seines Menschen auf, die nicht ausreichend genutzt werden. Das fühlt sich natürlich viel angenehmer an. Aber für das Pferd kann das sehr anstrengend sein. Natürlich will es nicht im menschlichen Sinne „trösten“. Aber so kannst du es dir vorstellen: Stell dir vor, du lebst mit jemandem zusammen, den du jeden Tag trösten musst. Jeden Tag.
Die Verbindung wird dann zum Ort, an dem der Mensch immer wieder Kraft schöpft, während das Muster, das ihn erschöpft, bestehen bleibt. Damit liegt auf der Beziehung die Last, fortwährend auszugleichen, was im übrigen Erleben fehlt. Das ist anstrengend. Und du würdest recht schnell das Gefühl bekommen, du trägst den anderen mit deiner emotionalen Kraft. Daher kommt es nicht selten vor, dass diese Pferde irgendwann auch körperlich erschöpft sind.
Das andere Pferd möchte das Mangelsystem seines Menschen nicht mittragen. Gemeint ist dieses Muster: Der Mensch versucht, durch immer mehr Tun auszugleichen, was ihm an Sicherheit, Verbindung oder dem Gefühl fehlt, einfach sein zu dürfen. Das Pferd geht in die Abwehr. Und doch ist es genau die Abwehr, die auch der Mensch in sich trägt. Es bringt den Menschen in die Gefühlswelt, die ohnehin in ihm aktiv ist. Meistens Überforderung, Hilflosigkeit oder Traurigkeit.
Dieses Pferd verweist ganz klar auf die Mangelstrategien seines Menschen – und darauf, dass diese Strategien unmöglich aufgehen können. Auch dieses Pferd ist im Stress.
Grundsätzlich versuchen beide Pferde, das gemeinsame System wieder in eine tragfähige Ordnung zu bringen. Pferde sind Herdentiere und sie gehen gemeinsam in die Verantwortung - nicht für den Einzelnen neben sich, sondern für das gesamte System, für den gesamten Herdenorganismus. Das Problempferd weist auf etwas hin, das nicht funktionieren kann. Auf eine Strategie, die im ersten Moment vielleicht nur den Einzelnen schwächt, aber das Potenzial in sich trägt, das gesamte System zu schwächen. Denn das wichtigste Gut für Pferde ist Wahrnehmung und Kommunikation. In einem im Inneren angelegten Funktionsmodus ist der Mensch nicht in der Wahrnehmung. Er ist nicht fühlend dabei, sondern er kompensiert einen alten Mangel durch Tun.
Das Herzenspferd verweist auf die ungenutzten Ressourcen. Diese Gefühle, die das Herzenspferd auslöst: Liebe, Freude, Wärme, Verbindung. Das sind Energien, die im Muster der zwei Welten sich nicht entfalten können. Sie fließen nur durch die eine Welt, aber nicht durch die andere, die vom Funktionieren geprägt ist. Solange diese Gefühle nur in der Pferdewelt zugänglich sind, sind sie noch keine frei verfügbaren Ressourcen. Dann werden auch Liebe, Freude, Wärme und Verbindung Teil des Kompensationssystems. Sie sind also dem Mangel untergeordnet. Hier will sich der Mensch lediglich erholen, raus sein aus seinem Funktionieren. Liebe, Freude, Wärme haben dann ihre Grenzen. Und wenn sie dem Menschen schon nicht als ganzheitliche Ressource zur Verfügung stehen, dann auch nicht den Pferden.
Die Wahrnehmung der Pferde ist immer ganzheitlich und regelrecht systemisch. Sie machen das Konzept Rückzugsort nicht mit. Es ist nicht ausreichend für ein gutes Leben.
Das Problempferd zeigt den nicht tragfähigen Mangelmodus. Das Herzenspferd zeigt die vorhandenen, aber abgespaltenen Ressourcen. Beide reagieren auf dasselbe Gesamtsystem.
Was verändert sich, wenn beide Welten zusammengeführt werden?
In einem System, das sich ausschließlich an den eigenen emotionalen Bedürfnissen orientiert, gibt es kein Muster der zwei Welten. Es gibt nur eine Welt und es ist eine Welt, die den Pferden viel näher ist. Kein Pferd hat von Natur aus einen Funktionsmodus. Das ist etwas, was wir auf das Pferd projizieren und ihm aus unserer eigenen Erfahrungswelt abverlangen. Ein Pferd orientiert sich an seinen eigenen emotionalen Grundbedürfnissen. Es folgt der Sicherheit, der Freude, der eigenen Kraft. Es arbeitet nicht gegen seine Kraft und auch nicht gegen sein Wohlgefühl. Es folgt diesen positiven Grundgefühlen und daraus entsteht sein Handeln.
Fühlen und Handeln sind im Einklang.
Viele Menschen lernen schon in der Schule: Jetzt musst du leisten, später darfst du Pause machen. Die eigenen Gefühle sollen währenddessen zurückstehen. So wird die Trennung früh vertraut: hier Leistung und Alltag, dort Erholung, Freizeit und Urlaub. Eine ganze Gesellschaft lebt das Prinzip der zwei Welten. Aber so leben wir an der Welt der Pferde vorbei.
Der Mensch darf sein Fühlen wiederentdecken. Er darf den Wert des Fühlens neu ausloten. Denn jedes Handeln aus lebensbejahenden Emotionen heraus gestaltet sich zielgenauer und energieeffizienter. Wenn der Mensch sein Fühlen in sein Handeln einbezieht, kann er genauer wahrnehmen, was ihn trägt und was ihn erschöpft. Er muss seine Kraft nicht mehr fortwährend gegen sich selbst einsetzen. Zwei Welten in seinem System zu halten, ist erschöpfend, aber bewusstes Fühlen im Einklang mit seinem Tun ist Leben, das sich entfaltet.
Wenn dieser natürliche Fluß des Lebens wiederhergestellt ist, hört die Last für die Pferde auf. Sie entspannen ganz offensichtlich. Sie zeigen sich gelöst und aufmerksam. Sie zeigen ihre Freude daran, mit ihrem Menschen eine Beziehung zu haben.
Zur Autorin
Anja Merk
Energetischer Coach · Pferdepsychologie · Pferd-Mensch-Kommunikation
Anja Merk ist Coach mit Expertise in Pferdepsychologie und psychologischer Pferd-Mensch-Kommunikation. Ihre fachliche Grundlage bilden Ausbildungen in Psychotherapie, ressourcen- und lösungsorientiertem Coaching sowie QuantenKinesiologie.
Sie entwickelte die Prozessbegleitende Quantenheilung für Pferd und Mensch. Bei dieser Methode werden Verhaltensveränderungen des Pferdes und der Beziehungsaufbau zwischen Mensch und Pferd allein durch innere Arbeit und Wahrnehmungsveränderungen des Menschen erreicht. Seit mehreren Jahren bildet sie Coaches in diesem Ansatz aus.
Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die wahrnehmbare emotionale Kommunikation zwischen Pferd und Mensch und das Verständnis der dahinterliegenden Gesetzmäßigkeiten.
Sie entwickelt eine alternative Psychologie auf Grundlage von Erkenntnissen über Emotionale Intelligenz und leitet eine Gruppe von Coaches, die unter ihrer Supervision nach diesem Ansatz arbeitet. Im Zentrum ihrer eigenen Forschungsarbeit stehen die Emotionale Intelligenz des Pferdes und ihre Wechselwirkung mit dem Menschen.



