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Wie kann dir dein schreckhaftes Pferd vertrauen?

Autorenbild: Anja Merk
Anja Merk
21. Aug.
8 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 14. Sept.


Ist dir eigentlich bewusst, dass Vertrauen für dein Pferd eine ganz andere Bedeutung hat als für dich? Wenn du verstehst, was es für dein Pferd bedeutet, dann kannst du auch mit ihm darüber kommunizieren.


Lass dir einen Moment Zeit, darüber nachzudenken, was für dich Vertrauen bedeutet! Woran erkennst du, dass du selbst vertraust? Und woran erkennst du, dass dein Pferd Vertrauen in dich hat?


Erschreckenderweise findet man auf Wikipedia folgende Definition: „Vertrauen ist die feste innere Überzeugung von der Verlässlichkeit, Redlichkeit und Zuverlässigkeit einer Person, Sache oder Institution. Wer vertraut, geht bewusst ein Risiko ein und macht das eigene Wohl vom Handeln anderer abhängig, mit der Erwartung, nicht enttäuscht oder geschädigt zu werden.“


Hast du das so oder so ähnlich auch für dich festgestellt? Und fällt es dir daher selbst manchmal schwer zu vertrauen? Aber wir wollen an dieser Stelle nicht vorschnell sein. Bloß weil du manchmal nicht gern vertraust, heißt das nicht, dass dir deswegen auch dein Pferd nicht vertraut. Das Ganze geht viel tiefer.


Was wäre, wenn diese Idee von Vertrauen, wie wir sie beispielsweise bei Wikipedia finden und die du auch in dir trägst, gar nicht wahr wäre? Was wäre, wenn ein riesiger Irrtum darin steckt?


Übertragen wir diese Idee von Vertrauen - eine Idee, die fast alle so leben - auf das Pferd, entsteht zwangsläufig eine Erwartung: 

Wenn du mir vertraust, folge dem, was ich dir vorschlage. 

Ich weiß, was gut für dich ist! 

Du kannst nachgeben.


Was wir damit erwarten, ist: 

Mein Pferd, mach dein Handeln abhängig von meiner Wahrnehmung und Einschätzung.

Und gleichzeitig sagen wir damit auch:

Wenn du das nicht tust, kann ich dir nicht vertrauen. Dann bist du für mich nicht verlässlich.


Wir geraten regelrecht in eine Vertrauenskrise, wenn unser Pferd die Flucht ergreift, ohne auf uns zu achten. Und noch viel mehr: wir geraten sehr schnell in eine Beziehungskrise. Zu mir selbst und meinem Pferd. Mache ich etwas falsch? Sind wir überhaupt in einer guten Verbindung?


Doch wie absurd ist eigentlich unser Konzept von Vertrauen? Wenn ich dir vertraue, gebe ich etwas an dich ab. Ich verlasse mich auf dein Handeln und gehe damit sogar ein Risiko ein.

Gleichzeitig erwarte ich von dir, dass du mir vertraust. Aber dann müsstest du doch genau dasselbe tun: Du müsstest dich auf mein Handeln verlassen und etwas an mich abgeben.


Wir erwarten also voneinander, dass jeweils der andere übernimmt.


Wer trägt dann eigentlich wen?

Nach welchen Regeln darf das hin- und herspringen? Wann genau ist wer zuständig? Wer übernimmt wann wessen Sicherheit? Klarheit gibt es in diesem Konzept nicht!


Und wie einfach und naheliegend ist es dann zu sagen: Ich als Mensch mache das die ganze Zeit. Ich bestimme alles. Und das verschleiern wir mit der Idee: ich vertraue dir, dass du das machst, was ich sage.


Bist du bereit für Ehrlichkeit? Wenn wir ganz ehrlich sind, dann geht es nicht um Vertrauen, sondern um Kontrolle. Es geht darum, Situationen im Griff zu haben. Die Kontrolle nicht zu verlieren.


Wir können an dieser Stelle nicht über Vertrauen reden, denn wir wissen gar nicht, was das überhaupt ist.


Was können wir von den Pferden über Vertrauen lernen?

Was ist das von der Natur vorgesehene „Konzept“ von Vertrauen?


Kommen wir zum Offensichtlichen: In der Natur ist es nicht vorgesehen, dass ein Tier sein Gewahrsein und seine eigene instinktive Einschätzung einfach an ein anderes Wesen abgibt. Es hört nicht auf, seine Umgebung wahrzunehmen, nur weil ein anderes Wesen in der Vergangenheit verlässlich war. Das würde seine Überlebenschancen enorm senken.


Doch genau das steckt häufig in unserer Vorstellung davon, was Vertrauen mit unserem Pferd bedeutet: Mein Pferd soll seine eigene Einschätzung zugunsten meiner Einschätzung fallen lassen. Es erschrickt vor etwas. Ich zeige ihm, dass keine Gefahr besteht. Es folgt mir und macht die Erfahrung: Mein Mensch hatte recht. Je öfter das geschieht, desto mehr Vertrauen entsteht in meine Einschätzung. Und wenn wir immer wieder gemeinsam schwierige Situationen meistern, wächst daraus mit der Zeit ein verlässliches Vertrauen.


Absolute Fehlanzeige!


Natürlich lernt dein Pferd aus Erfahrungen. Natürlich beeinflusst das, was ihr miteinander erlebt, auch zukünftige Situationen. Aber diese Erfahrungen ersetzen niemals seine gegenwärtige Wahrnehmung.


Dein Pferd nimmt weiterhin wahr. Es schätzt Situationen weiterhin selbst ein. Und sein Überlebensinstinkt wird nicht irgendwann bedeutungslos, nur weil ihr schon hundert Situationen gemeinsam gemeistert habt. Auch in einer vertrauten Umgebung bleibt es bereit, auf etwas Unvorhergesehenes zu reagieren.


Die Vorstellung, wir hätten schon so viel miteinander erlebt und damit ganz viele Einzahlungen auf unser Beziehungs- und Vertrauenskonto geleistet, von denen das Pferd im entscheidenden Moment einfach etwas abheben kann, ist ein sehr menschliches Wunschdenken.


Die Natur funktioniert anders. Sie ist darauf ausgerichtet, das wahrzunehmen, was jetzt geschieht, auf Veränderungen zu reagieren und das eigene Leben zu schützen.


Vielleicht sollten wir uns deshalb gar nicht länger fragen, wie wir mehr Vertrauen bei unserem Pferd aufbauen. Die viel interessantere Frage ist:


Woran orientiert sich ein Pferd tatsächlich, wenn es unsicher wird?

Diese Frage lässt sich nicht in drei Sätzen beantworten. Denn sie führt uns gleichzeitig zu der Frage, wie ein Pferd Beziehung erlebt und wie es kommuniziert. Und erst viel später auch dazu, wie es eigentlich lernt.


Wir Menschen machen etwas, das in dieser Form sehr menschlich ist: Wir machen unser Selbstbild, unser Fühlen und unsere Sicht auf das Leben von Situationen abhängig. Ich hatte einen guten Tag, mir ist viel gelungen – dann kann ich mit mir zufrieden sein. Dann kann ich mich freuen. Dann fühlt sich mein Leben gut an.


War der Tag nicht so gut, vielleicht sogar zum wiederholten Mal, gerate ich schnell in Selbstzweifel. Ich möchte vielleicht einfach nur noch in den Urlaub flüchten oder suche nach Möglichkeiten, besser zu werden.


Von Situationen hängt für uns also eine ganze Menge ab. Die Situation selbst wird zur Orientierung: Was halte ich von mir? Was halte ich vom anderen? Wie sicher fühle ich mich? Wie schätze ich mein Leben ein? Wie gut habe ich etwas gemeistert?


Wir Menschen können aus dem, was geschieht, ganze Geschichten über uns und andere entstehen lassen: Ich habe versagt. Ich bin nicht gut genug. Du hast mich enttäuscht. Auf dich kann ich mich nicht verlassen. Und genau daraus entsteht auch die Vorstellung eines Beziehungs- und Vertrauenskontos.


Beim Pferd müssen wir an einer anderen Stelle ansetzen.


Es führt keine Geschichte über sich und eure Beziehung, in die jede einzelne Situation als Erfolg oder Misserfolg eingetragen wird. Natürlich macht dein Pferd Erfahrungen. Natürlich lernt es daraus. Aber seine Wahrnehmung bleibt trotzdem in jedem Moment aktiv.


Denn genau das ist von der Natur vorgesehen.


Stell dir vor, ein Pferd würde einem Bergpuma begegnen und seine Wahrnehmung auf eine aktuelle Information reduzieren: Ach, alles fein. Ich nehme wahr, er ist satt und zufrieden. Dann kann ich ja hier stehen bleiben.


So funktioniert Überleben nicht.


Das Pferd nimmt das gesamte Bild wahr – es sieht die potenzielle Gefahr. Wenn wir es so ausdrücken wollen: Seine Wahrnehmung ist ganzheitlich.


Und genau so nimmt dein Pferd auch dich wahr.

Es beginnt nicht erst in einer schwierigen Situation damit, dich zu lesen und zu überprüfen, ob du diesmal genügend Sicherheit ausstrahlst. Es nimmt dein gesamtes emotionales System wahr: Wie ist dein emotionales System grundsätzlich aufgestellt? Was bringst du in eure Beziehung mit? Welche Informationen sendest du generell aus?


Dein Pferd begegnet nicht nur deinem Verhalten in einer Aneinanderreihung einzelner Situationen. Es begegnet dir ganzheitlich in deiner Grundkonstitution.


Denn wenn ein Pferd nur deine aktuelle Momentinformation wahrnehmen würde – „Der Mensch ist gerade ruhig“ –, wäre das als Orientierung ziemlich dünn. Für ein Tier ist schließlich nicht nur relevant, was ein anderes Wesen in dieser Sekunde zeigt, sondern welche Informationen dieses Wesen insgesamt für die eigene Sicherheit und das soziale Miteinander liefert.


Dein Pferd wird seine eigene Wahrnehmung dabei nicht abgeben. Im Gegenteil: Je umfassender es andere wahrnehmen kann, desto mehr Informationen stehen ihm für seine eigene Orientierung zur Verfügung.


Und genau das führt uns zu der entscheidenden Frage: Ist dein System grundsätzlich in der Lage, deinem Pferd ein Orientierungsangebot zu machen? Diese Frage wird darüber entscheiden, ob du für dein Pferd ein guter Lern- und Erfahrungspartner bist.


Was nimmt dein Pferd in dir wahr?

Dein emotionales System präsentiert sich deinem Pferd zu jeder Zeit. Du bestehst überwiegend aus emotionalen Informationen. Sie beeinflussen deine gesamte Gedankenwelt und dein Handeln. Genauso beeinflussen sie deine Sicht auf die Welt und das Leben. Das Fundament dieses emotionalen Systems ist bereits in deiner Kindheit entstanden. Es liegt in deinen frühen emotionalen Prägungen.


Nehmen wir hier ein Beispiel in den Blick: Wenn deine Eltern viel Wert auf gute Noten und gute Leistung gelegt haben, hat dein kindliches System gelernt, über gute Noten, Lob und Bestätigung Anerkennung zu bekommen. Anerkennung bedeutet für ein Kind auf einer instinktiven Ebene: Meine Leute erkennen mich an, ich gehöre zu ihnen. Auf dieser Ebene ist das wichtig, weil es das eigene Überleben sichert.


Andersherum entsteht ein innerer Konflikt, wenn weniger gute Noten nicht gern gesehen waren. Es entsteht eine subtile Unsicherheit, darunter die Angst vor Ablehnung, die uns auch im Erwachsenenalter immer wieder begegnen wird.


Dieser innere Konflikt – Bin ich noch richtig, wenn ich nicht das leisten kann, was man von mir erwartet? – beinhaltet Selbstzweifel und damit einen Unfrieden mit sich selbst. Eine ständige Unsicherheit, die sich mal mehr, mal weniger zeigt.


Unsicherheit und Unfrieden mit sich selbst werden zu einem Lebensgrundgefühl, das wir beständig versuchen zu kompensieren. Meist mit der Suche nach noch mehr Wissen, noch mehr Methoden, noch mehr Techniken, noch mehr Tun.


Was dein Pferd in dir wahrnimmt, ist aber eben die Unsicherheit und der Unfrieden als eingeprägte Grundkonstitution.

Deine Zufriedenheit darüber, dass du eine neue Technik gelernt hast, interessiert dein Pferd nicht. Dein hochintelligentes Pferd kann diese Ebenen nämlich unterscheiden. Es reagiert auf das, was wirklich da ist, und nicht auf das, was wir durch Kompensation erreichen. Denn das sind nur Schwankungen in unserem System.


Unterm Strich heißt das: Wenn du in deinem Lebensgrundgefühl Unsicherheit trägst, nimmt dir dein Pferd deine angebotene Sicherheit einfach nicht ab.


Wie kannst du für dein Pferd zur Orientierung werden?


Bringen wir alles zusammen:


  • Lerne, dein eigenes emotionales System ganzheitlich wahrzunehmen.

    Dein Pferd nimmt dich auf diese Weise wahr. Auch wir Menschen dürfen wieder lernen, uns emotional vielschichtig zu lesen – statt nur auf das zu schauen, was wir in einer aktuellen Situation fühlen oder tun.


  • Folge deinen Gefühlsbahnen.

    Für dein Pferd ist das selbstverständlich. Es folgt Gefühlsbahnen und nutzt die darin enthaltenen Informationen für seine eigene Wahrnehmung und Orientierung. Wenn auch wir beginnen, diesen Gefühlsbahnen zu folgen und die darin liegenden Informationen zu lesen, kommen wir auf der Wahrnehmungsebene unseres Pferdes an. Erst dort wird ein bewusster Austausch emotionaler Informationen überhaupt möglich.


  • Schau auf das, was unter der Kompensation liegt.

    Dabei werden wir zwangsläufig auch auf emotionale Grundprägungen stoßen, die gesehen und ausgeheilt werden dürfen. Denn es geht nicht darum, Unsicherheit durch noch mehr Wissen, eine neue Methode oder ein souveränes Auftreten zu überdecken. Damit würden wir nur weiter kompensieren.


  • Verändere die Information, die dein emotionales System trägt.

    Heilt eine emotionale Grundprägung aus, verändert sich die Information, die dein System trägt. Dadurch wirst du für dein Pferd zu einer anderen Informationsquelle – nicht weil du gelernt hast, Sicherheit besser darzustellen, sondern weil dein emotionales System tatsächlich eine andere Information zur Verfügung stellt.


  • Mach deinem Pferd ein Orientierungsangebot.

    Erst dann kannst du deinem Pferd ein Orientierungsangebot machen, das es in seiner eigenen Wahrnehmung tatsächlich in Erwägung ziehen kann. Dein Pferd muss dafür seine Wahrnehmung nicht abgeben. Es darf sie nutzen.


Und jetzt passiert etwas Außergewöhnliches.


Freiheit auf beiden Seiten.

Ich bin bei mir.

Du darfst bei dir sein.

Ich nehme dich wahr.

Du nimmst mich wahr.


Und wir können die Informationen des anderen nutzen, ohne dass einer von uns sich selbst dafür aufgeben muss.


Ein emotional geklärter Mensch muss sein Pferd nicht dazu bringen, sich an ihm zu orientieren. Er stellt grundsätzlich etwas Verlässliches zur Verfügung. Wir nennen es auch Selbstsicherheit.


Diese Selbstsicherheit verlangt kein blindes Vertrauen. Sie ist eine stabile Größe in deinem emotionalen System und bietet deinem Pferd eine lohnenswerte Orientierung. Keiner muss sein Wohl, seine Wahrnehmung oder seine Sicherheit an den anderen abgeben – und trotzdem können tiefe Vertrautheit, Orientierung und gemeinsames Handeln entstehen.


Es geht also von Natur aus nicht um Vertrauen, sondern um Informationsaustausch. Wenn es denn um Vertrauen geht, dann in die eigene Wahrnehmung.


Zur Autorin

Anja Merk

Energetischer Coach · Pferdepsychologie · Pferd-Mensch-Kommunikation


Anja Merk ist Coach mit Expertise in Pferdepsychologie und psychologischer Pferd-Mensch-Kommunikation. Ihre fachliche Grundlage bilden Ausbildungen in Psychotherapie, ressourcen- und lösungsorientiertem Coaching sowie QuantenKinesiologie.

Sie entwickelte die Prozessbegleitende Quantenheilung für Pferd und Mensch. Bei dieser Methode werden Verhaltensveränderungen des Pferdes und der Beziehungsaufbau zwischen Mensch und Pferd allein durch innere Arbeit und Wahrnehmungsveränderungen des Menschen erreicht. Seit mehreren Jahren bildet sie Coaches in diesem Ansatz aus.

Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die wahrnehmbare emotionale Kommunikation zwischen Pferd und Mensch und das Verständnis der dahinterliegenden Gesetzmäßigkeiten.

Sie entwickelt eine alternative Psychologie auf Grundlage von Erkenntnissen über Emotionale Intelligenz und leitet eine Gruppe von Coaches, die unter ihrer Supervision nach diesem Ansatz arbeitet. Im Zentrum ihrer eigenen Forschungsarbeit stehen die Emotionale Intelligenz des Pferdes und ihre Wechselwirkung mit dem Menschen

 
 
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Anja Merk
Herausgeberin

Coach für Prozessbegleitende Quantenheilung Mensch & Pferd

​

​Pferdepsychologie

 

Pferd-Mensch-Kommunikation

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